Ausgehend vom Thema „SPIEL“ erkunde ich in meiner Arbeit das bildnerisch-poetische Potential in mathematischen Strukturen. Dabei liegt ein Schwerpunkt in der Verwendung der so genannten Langfordschen Zahlenreihen. Sie bilden das Material für umfangreiche und vielschichtige, teils serielle, teils solitäre Bildwerke, ganz im Sinne der konkreten Malerei. Rhythmisierungen, Überlagerungen und Farbgeflechte öffnen den Blick auf eine klare Schönheit der Mathematik und kreieren einen meditativen Gegenpol zur immer deutlicher wahrgenommenen Flüchtigkeit des täglichen Lebens.

Bis Anfang der neunziger Jahre bewegte ich mich mit meiner Malerei im illusionistisch-gegenständlichen Bereich. Das Spiel erschien in Form von Darstellungen diverser „Spiel-Situationen“. Es entstanden unter anderem Bilder mit Schachfiguren, Würfel, Spielkarten, Labyrinthen…Holzbausteinen - kurz: figurativ / narrativ. Der mathematisch-geometrische Aspekt beschränkte sich dabei im Wesentlichen auf eine durchkonstruierte Zentralperspektive und die bevorzugte Verwendung des goldenen Schnitts als Grundlage der Bildkomposition.

Spiel ist allerdings auch als ein in sich geschlossenes System mit eigenen, nur in ihm geltenden, logischen Regeln zu verstehen. Auf dieser Grundlage entstanden aus eben diesen geometrischen Formen der Holzbausteine, also aus den präzise definierten Elementen Rechteck, Quadrat, Dreieck und Kreisbogen, zu Beginn der neunziger Jahre die "Module I" genannten Kompositionen. Diese folgten von mir vorab festgelegten „Spiel“-Regeln. Die Elemente sind modular konzipiert und frei beweglich mittels Magneten auf Stahltafeln angebracht. Jedes Einzelmodul ist als in sich geschlossene Komposition angelegt, kann aber an jeder Seite durch Aneinanderfügen weiterer Elemente/Module vom Betrachter erweitert, ergänzt, verändert, kontrastiert werden. Das Konzept ist also auch offen.

Der Betrachter darf „mitspielen“.

Diese quadratischen Tafeln markieren für mich den Übergang zum konstruktiv-geometrischen arbeiten.

Durch diese Eingriffsmöglichkeit wird der Betrachter direkt an der Entstehung und damit am kreativen Prozess des einzelnen Werkes beteiligt. Ich will so den Bezug von Rezipient zu Werk verdichten und unmittelbar werden lassen. Der Betrachter bekommt die Chance, sein eigenes kreatives Potential zu entwickeln und zu erkennen. Karl Gerstner bezeichnet dieses als „Partzipationskunst“.

Neben “Module I“ entsteht eine weitere, strenger konzipierte Reihe, „Module II“, die sich auf einfache Teilungen der Quadratform (senkrecht, waagerecht, schräg) und die ausschließliche Verwendung der drei Primärfarben plus Schwarz, Weiß und Grau beschränkt. Die variable Kombination dieser Module ermöglicht die ständige Bildung und Entdeckung neuer Form- und Farbzusammenhänge.

Im Rahmen weiterer Untersuchungen zum Thema "SPIEL" stieß ich auf die Zahlenreihen des C. Dudley Langford . Der Aspekt, der mich an diesen Reihen sofort interessierte, war ihre Zweckfreiheit und damit die direkte Verbindung zu meinem Thema.

Vergleichbar mit der Primzahlforschung, die unter Einsatz vernetzter Computerprozessoren die Suche nach der immer nächsten Primzahl ständig fortführt, wird an mehreren Universitäten in vergleichbarer Weise nach einer Formel gesucht, die eine allgemeingültige Aussage über Möglichkeit der Klammerung einer Zahlenreihe 1-n nach Langford trifft. Inzwischen existiert zwar eine Formel, die klar definiert, welche1-n-Reihen NICHT nach Langford angeordnet werden können – aber eine Formel, mit der sich sagen lässt, mit welchen Zahlenfolgen diese Zahlenklammerung funktioniert, steht noch aus.

Die Auseinandersetzung mit dem logischen System der Langford-Zahlen führt zu visuellen Strukturen. Das Bildfeld wird rhythmisch gegliedert. Dadurch, dass ein mathematisches System Voraussetzung ist, werden exakte Aussagen über die Struktur möglich. Es ist mir wichtig, daß der Aufbau nachvollziehbar ist.

Wie auch im Spiel bestimmen präzise Regeln die Entstehung der Bilder und Objekte der verschiedenen Werkgruppen. Dabei biete ich dem Betrachter einen Dialog über das gesehene an. Er hat die freie Wahl ob er sich die Mühe macht, die Bilder zu entschlüsseln und sich den Bildern analytisch nähern will oder ob er sie eher von der Gestalt her erfährt. Die Zahlenpaare in den Langford-Reihen markieren innerhalb eines geschlossenen Systems mit einem Anfang und einem Ende wiederum einzelne Abschnitte jeweils mit Beginn und Schluss. Dabei überschneiden sich manche Klammerungen, andere berühren sich nur an einem Punkt oder überhaupt nicht oder sind selbst vollständig eingeklammert.

Hierin sehe ich auch eine Parallele zu den unterschiedlichen Zeitabschnitten im Leben. Ich suche auch keine Endgültigkeit, die auf eine einzige Perspektive fixiert ist.

Dem geschlossenen System der Langfordschen Reihen steht die in meiner Arbeit die unendliche - also offene -Folge der Nachkommazahlen von π (PI) gegenüber.

Die Ziffern nach dem Komma der Zahl π 3,141…bilden eine unendliche Folge, die sich nicht periodisch wiederholt. Der Mathematiker spricht hier von einer „normalen Zahl“. Werden die Nachkommastellen der Zahl π in digitale Werte zerlegt, also:
π = 3.1415926… = 01001000100001000001...
So entsteht eine Reihe von Einsen und Nullen, die in ihrer Abfolge, da unendlich und sich nicht wiederholend, irgendwann jede denkbare Konstellation beherbergen. Also auch jedes denkbare – in diese digitale Form transformierte  - Abbild aus unserem Universum. Zum Beispiel ein Musikstück, die Abbildung einer Landschaft, ein Gedicht oder Teile davon…

Die in Farbfelder weiter-transformierte Nachkommazahlabschnitte von π sind somit mögliche (…maybe…) Übersetzungen von Bildern, Texten etc. in eine jeweils neue Form, eine neue Bildsprache. Nicht in Pixel aufgelöste, und somit abstrahierte Farben, sondern aus der Zahlenfolge entwickelt konkretisierte neue Bilder.